Der Kinderbauernhof im Stadtteil Wesertor
Kinder wollen spielen, rennen, klettern und entdecken, wollen selber ausprobieren, haben Spaß an Naturerlebnissen und vor allem an Tieren.
Das Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche ist im Stadtteil Wesertor bisher nicht sehr groß. Die Möglichkeiten im Freien zu spielen sind durch die enge, zumeist gründerzeitliche Bebauung stark eingegrenzt, wenn auch hier in den letzten Jahren viel bei der Gestaltung z.B. der Schulhöfe getan wurde. Im Wesertor leben 107 Nationen zusammen, der Anteil der nicht deutschen Bevölkerung liegt bei 30,9 %. Damit ist das Wesertor der Stadtteil mit dem zweitgrößten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, nach der Nordstadt. Das Konfliktpotential in einem solchen Stadtteil ist hoch, und vor allem für Kinder und Jugendliche ist ein solches Umfeld eine schwierige Herausforderung.
Genau hier setzt das Projekt des Kinderbauernhofes ein.
Der Verein Kinderbauernhof Kassel e.V. ist ein im September 2005 gegründeter, unabhängiger und als gemeinnützig anerkannter Verein. Wir haben die Fläche zwischen Ahna und Fulda, die alten Bleichewiesen, mitten im Stadtteil Wesertor seit Ende April 2007 von der Stadt gepachtet. Es handelt sich um eine ca. 4500 m² große Streuobstwiese, einem Garten mit Gemüsebeeten und angrenzendes Weideland mit ca. 12000m².
Hier haben Kindern und Jugendlichen vor allem aus dem Stadtteil Wesertor die Möglichkeit, ihre Freizeit in einem landwirtschaftlich geprägten, ökologisch orientierten und pädagogisch betreuten Raum zu verbringen. Gerade Kinder aus sozial schwächeren Familien oder mit Schulproblemen erfahren auf dem Kinderbauernhof eine ganz andere Art von Wertschätzung und Erfolgserlebnissen. Unser Projekt fördert bei Kindern und Jugendlichen aller Altersstufen Umweltbewusstsein, soziale Integration, Basisqualifikationen und damit Bildungschancen, demokratisches Bewusstsein und ganz allgemein die Gesundheit. Der Kinderbauernhof ergänzt die schulische Wissensvermittlung durch ganzheitliches Lernen, das alle Sinne anspricht: Die Kinder lernen praktisch. Sie sehen das Ergebnis ihrer Arbeit wachsen. Der Erfolg wird dabei nicht in Noten und Orientierungsarbeiten gemessen. So eignen sie sich soziale Kompetenz und ein unmittelbares Gespür für die Natur an. Sie arbeiten miteinander, sie unterstützen sich gegenseitig, sie lernen, ihre Wünsche zu formulieren und deren Umsetzung konkret und selbständig zu planen. Diese Erfahrungen fördern das Selbstbewusstsein und eröffnen vor allem lernschwachen Kindern auch innerhalb der Schule neue Aspekte, sich theoretischem Wissen zu nähern.
Der Kinder- und Jugendbauernhof ist ein soziales und ökologisches Angebot, dass sich an alle Kinder und Jugendlichen, vor allem aus dem Stadtteil Wesertor richtet.
Der Besuch des Kinderbauernhofes ist für die Kinder kostenlos.
Sowohl in der Freizeit, als auch in Kooperation mit Schulen werden durch die vielfältigen Möglichkeiten einer solchen Einrichtung grundlegende Fähigkeiten und Kompetenzen gefördert. Gemeinsam bedeutet hier das Zusammentreffen verschiedenster Kulturen mit allen daraus entstehenden Konflikten und Möglichkeiten, mit der Erfahrung, etwas aus der eigenen Lebenswelt einbringen zu können, aber auch das „Mitnehmen“ von anderen Kulturelementen. Landwirtschaft gibt es auf der ganzen Welt, überall wird Essen zubereitet. Wir versuchen hier gemeinsam zu entdecken, was uns verbindet und uns an der Vielfalt zu freuen.
Der Kinderbauernhof ist ein einzigartiges Projekt, weil es für Kinder, mit Kindern und dank der Kinder entstanden ist!
Neben der offenen Arbeit kooperiert der Kinderbauernhof mit einigen Schulen. Im Rahmen von Projekten kommen Schulkassen am Vormittag auf den Kinderbauernhof und nutzen die Möglichkeit, Sachkundeunterricht sehr praxisnah zu gestallten. Meistens bleibt auch noch Zeit um zu toben und zu spielen. Für Schulen wird ein Nutzungsentgeld erhoben.
Arbeiten am Bauwagen
Offene Arbeit:
Offene Arbeit bedeutet, die Kinder können während fester Öffnungszeiten an den Nachmittagen kommen, ohne eine Verpflichtung einzugehen. Sie können die Angebote des Kinderbauernhofes nutzen oder auch einfach nur hier spielen. Diese offene Arbeit ist das Kernstück in diesem Projekt. Der Besuch des Kinderbauernhofes ist für die Kinder kostenlos, denn nur so ist es den meisten Kindern möglich, hierher zu kommen.
Für viele „unserer“ Kinder ist es schwer, Verbindlichkeiten einzugehen. Die offenen, nicht an Gruppen gebundenen Angebote erlauben es ihnen, sich langsam zu näher, Abstand zu halten, wenn nötig und trotzdem dabei zu sein.
Oft kommt die Kritik, ob die Kinder bei dieser Form von offenen Konzepten überhaupt etwas lernen oder nur von der Straße geholt werden. Schon „nur von der Straße“ zu sein, ist oft schon ganz viel. Kinder, die nachmittags nicht betreut sind, „hängen“ entweder vor dem Fernseher ab oder „lungern“ irgendwo herum, beides keine sinnvolle und für ein Kind erfüllende Freizeitbeschäftigung.
Was die Kinder hier auf dem Kinderbauernhof lernen, ist nicht mit Noten zu messen, lässt sich oft nur schwer fassen. Aber wer genauer hinsieht, erkennt welchen Wert es hat, einen Nagel in ein Brett zu schlagen, vor allem wenn es der erste ist. Wer Möhren erntet und isst, die er selber in Frühjahr gesät hat, lern Nahrungsmittel ganz anders zu schätzten. Und vor allem der regelmäßige Kontakt zu Tieren, ist für viele Kinder das Wichtigste hier auf dem Hof. Der Wunsch nach einem eigenen Tier geht für die wenigsten „unsere“ Kinder in Erfüllung. Hier besteht die Möglichkeit, Tiere immer wieder zu versorgen, zu streicheln und mit ihnen zu spielen. Aber auch die Grenzen der Tier zu respektieren und zu sehen, es sind eigenständige Lebewesen.
Und wer hier spielt und mitarbeitet, lernt ganz nebenbei, das es normal ist, verschieden zu sein. Toleranz zu üben und gemeinsam Lösungen für die Konflikten zu finden, gehören genauso dazu, wie das Versorgen unserer Tiere und der Abschluss der Nachmittage am Lagerfeuer.
Pflanzen neuer Apfelbäume
Viele der Arbeiten, die die Kinder hier gemeinsam mit den „Bauernhofpädagogen“ durchführen, ergeben sich von selber, sind jahreszeitlich bedingt: Im Frühjahr werden die Beete vorbereitet, Kartoffeln gelegt, Möhren und Radieschen gesät. Im Sommer muss das Unkraut im Zaume gehalten werden, die Heuernte eingebracht und vor allem die Erdbeeren müssen gegessen werden! Im Herbst gibt es vieles, was im Frühjahr gepflanzt und den Sommer über gepflegt wurde zu ernten: Kürbisse, Tomaten, Äpfel, Fenchel oder Zuckermais. Die Kartoffelernte ist immer wieder ein Erfolg, es ist wie Schatzsuchen und wird mit einem großen Kartoffelfeuer gefeiert.
Dienstags ist Ernte- und Kochtag. Dann wird gemeinsam Erntegut verarbeitet und zusammen gegessen. Der Wert von gesundem und schmackhaft zubereitetem Essen sowie einer gemeinsamen "Esskultur" ergeben sich von alleine. Selbstverständlich gehört auch der gemeinsame Abwasch dazu.
Die Annahme des offenen Angebotes ist sehr witterungsabhänging. In den letzten Jahren besucheten jeweisl ca. 270 Kinder das offene Angebot, viele davon regelmäßig.
Ferienspiele
Wären der hessischen Schulferien (außer Weihnachten) hatte der Kinderbauernhof seit 2007 durchgehend geöffnet und ein besonderes Programm zu wechselnden Themen. Während der Sommerferien war der Kinderbauernhof auch ins Ferienbündnis der Stadt Kassel integriert, alle Angebote wurden mit den anderen Projektpartnern abgestimmt.
Während der Sommerferien 2009 war das große Thema Landwirtschaft auf fünf Kontinenten. Alle Angebote standen unter diesem Thema, eine in die Wiese gemähte Weltkarte ermöglichte eine Zuordnung verschiedener Obst- und Gemüsearten in die verschiedenen Länder, die gefilzen und aus Ton gebastelten Tiere wurden auf die Länder verteilt. Das Thema der Herbstferien war neben der Ernte und Verarbeitung unserer Äpfel kooperative Aberteuerspiele, die bei den Kindern sehr gut ankamen. In den Osterferien 2010 wurden Nisthilfen für Wildbienen gebaut, Eier gefärbt und am Gründonnerstag gab es ein großes Lagerfeuer mit Stockbrot.
Naturerfahrung im urbanen Raum
Zusammen mit dem Verein Spielmobile Rote Rübe e.V. und den Power Kids der Freikirchlichen Gemeinde Möncheberg haben wir das Projekt „Naturerfarung im urbanen Raum“ initiirt. Die bewilligten Fördermittel stammen aus dem Programm „Hegiss-Innovaton“ , dem Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt".
Über diese Förderung ist es uns möglich, seit April 2009 einen hauptamtlichen „Bauernhofpädagogen“ zu beschäftigen. Die Öffnungszeiten für die offene Arbeit konnte auf vier Nachmittage erweitert werden. Auch den Schulen konnten deutlich mehr Angebote gemacht werden, da Honorarkräfte und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen jetzt durch den Hauptamtlichen unterstütz werden können.
Vernetzung mit anderen Projekten oder Einrichtungen
In Fußentfernung zum Gelände des Kinderbauernhofes liegen die Grundschulen Am Wall und Unterneustädter Schule Außenstelle Ysenburgstraße. Aber auch mit einer Reihe anderen Schulen haben wir eine sehr enge und gute Zusammenarbeit aufgebaut.
Außer der Kooperation mit den Schulen besteht ein enger Kontakt zum Verein „Roten Rübe“, und zu den Power Kids der Freikirchlichen Gemeinde Möncheberg. Neben dem gemeinsamen Projekt werden immer wieder gemeinsame Aktionen durchgeführt.
Bei BioLeKa, den biologischen Lernorten Kassel, sind wir seit Anfang 2008 Mitglied. Hier besteht ein reger Erfahrungsaustausch und gemeinsame Fortbildungen.
Der Verein Kinderbauernhof Kassel ist seit Mitte 2007 Jahres Mitglied im Dachverband der Jugendfarmen und Aktivspielplätze (BdJA). Auch hier werden die Austausch-Wochenenden und Fortbildungen genutzt und die Möglichkeit sich mit ähnlichen Einrichtungen über inhaltliche und rechtliche Fragen auszutauschen.
